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Neue Geschäfts­modelle braucht das Land – Nach­haltig­keit im Produkt­design?

Design ist niemals unschuldig – umso größer ist seine Verantwortung, eine lebenswerte Gesellschaft zu gestalten. Soloselbstständige Designer:innen sind gefordert, Produkte nachhaltiger zu gestalten. Der Kontext der Produkte und Geschäftsmodelle muss mitgedacht, Strukturen und Gewohnheiten aufgebrochen und neue Handlungsprinzipien verinnerlicht werden. Keine leichte Übung, aber eine mit riesigem Chancenpotenzial.

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Produkt­design trifft auf Nach­haltigkeit

Produkte und Produktsysteme (Gebrauchs- und Investitionsgüter) nach ästhetischen, ergonomischen, technischen und wirtschaftlichen Aspekten zu gestalten, ist die traditionelle Aufgabe des Produktdesigns. Natürlich haben auch schon in der Vergangenheit kulturelle und vor allem ökologische und soziale Aspekte dabei eine Rolle gespielt. Nicht selten sind Solo-Selbstständige in ihren Rollen als Designer:innen an Entwicklungen beteiligt, welche die Art und Weise, wie wir leben und arbeiten, tiefgreifend beeinflussen. Sie bestimmen nicht nur die Form und das Aussehen eines Produkts, sondern beispielsweise auch, aus welchen Materialien sie hergestellt werden, wie langlebig sie sind, ob sie schnell und einfach repariert werden können und ob sie recyclebar sind. Und sie bestimmen, wie sie genutzt werden sollen – dazu aber später mehr.

Produkt­design – Ursache und Teil der Lösung?

Design war und ist der große Verführer eines auf permanentes Wachstum angewiesenen Kapitalismus. Viele Märkte sind gesättigt und die in diesen Märkten agierenden Unternehmen müssen sich einem Verdrängungswettbewerb stellen. Sie tun das,

  • indem sie in immer kürzeren Zyklen neue Produkte (Stichwort Fast Fashion) oder neue Modelle bestehender Produkte auf den Markt bringen, die funktionaler oder schöner gestaltet sind und mehr dem vermeintlichen Zeitgeist entsprechen,
  • durch aufwendig gestaltete und in Teilen überdimensionierte Verpackungen, um sich der Aufmerksamkeit der Käufer:innen zu versichern,
  • indem sie die Lebensdauer der Produkte verkürzen oder ihre Reparierbarkeit einschränken,  
  • indem sie Rohstoffe und Materialien verwenden, die zwar kostengünstiger im Einkauf sind, aber unter fraglichen ökologischen und sozialen Bedingungen hergestellt wurden oder
  • indem sie die Qualität kontinuierlich herabsetzen.

Sie tun das aber auch, weil nur durch den regelmäßigen und sich widerholenden Verkauf Gewinne und Einkommen erwirtschaftet werden können. Mit dem Ergebnis, dass wir weiter unsere Ressourcen ausbeuten, vermehrt klimaschädliche Energien verbrauchen und dabei Verstöße gegen Menschenrechte billigend in Kauf nehmen.

Da unsere heutigen Probleme Ergebnisse von Gestaltung sind, müssen auch die zukünftigen Lösungen dieser Probleme Ergebnisse von Gestaltung sein. Designer:innen und Solo-Selbstständige haben demzufolge die Aufgabe, diesen Perspektivwechsel zu vollziehen!

Das Dilemma mit der Lang­lebigkeit – das Phoebus­kartell

Mit der Erfindung der Glühlampe Anfang des 20. Jahrhunderts wurde ein riesiger Absatzmarkt geschaffen. In kürzester Zeit konnte die Qualität der Glühlampe ständig verbessert werden. Bereits 1924 hatten Glühlampen eine durchschnittliche Brenndauer von mehreren tausend Stunden. Dieser technische Fortschritt führte bei den Fabrikanten zu der Besorgnis, dass – wenn sich diese Entwicklung fortsetzen würde – bald niemand mehr neue Glühlampen brauchen würde. Die führenden Glühlampenhersteller wie General Electric, Osram, La Compagnie des Lampes und Philips reagierten auf dieses Dilemma und gründeten am 24.12.1924 das nach dem griechischen Sonnengott Phoebus Apollon benannte ›Phoebuskartell‹. Demnach verpflichteten sich alle anwesenden Hersteller, das technische Design so zu modifizieren, dass die Brenndauer einer Glühlampe nicht mehr als tausend Stunden betragen darf. Die Zahl der unnötig produzierten Glühbirnen dürfte seither eine gigantische, kaum vorstellbare Größenordnung angenommen haben.

Heute haben wir dafür einen Begriff: geplante Obsoleszenz – er meint das vom Hersteller geplante Veralten eines Produkts. Jede:r kann hierzu Beispiele benennen und hat viele dieser geplant alternden Produkte wahrscheinlich im Einsatz, richtig?

Nachhalt­igeres Produkt­design ist immer schon da

Nachhaltigeres Produktdesign ist immer schon ein zentrales Gestaltungsprinzip gewesen, es ist nur noch nicht bei allen angekommen. Viele Unternehmen und Solo-Selbstständige werden ihrer Verantwortung gerecht und gestalten schon seit Jahren innovative, nachhaltigere Produkte und Produktsysteme. Der Bundespreis Ecodesign ist ein Spiegelbild dieser Entwicklung und zeichnet jedes Jahr herausragend gestaltete und umweltverträgliche Produkte, Dienstleistungen und Konzepte aus. Seit 2012 wird der Wettbewerb jährlich durch das Bundesumweltministerium und das Umweltbundesamt in Kooperation mit dem Internationalen Design Zentrum Berlin ausgelobt. Die Gewinner:innen und Nominierten sind für alle Designer:innen Anspruch und Inspirationsquelle zugleich.

Hilfestellungen für Designer:innen und Solo-Selbstständige bietet auch das Ecodesign Kit. Es liefert Grundlagenwissen, Methoden und Praxisbeispiele. Es zeigt auf, was ein Produkt umweltverträglicher macht, welche Bewertungsmethoden und Werkzeuge es gibt und wie sich diese sinnvoll einsetzen lassen.  

Denkmodelle für nach­haltigeres Produkt­design

Alle, die an dem Design von Produkten beteiligt sind – also auch Solo-Selbständige – müssen ihre Vorstellungskraft immer wieder trainieren. Sie müssen Produkte vordenken, die weniger Ressourcen und Energie verbrauchen und Anreize schaffen, insgesamt weniger Produkte zu verbrauchen beziehungsweise zu nutzen. Beispielsweise mit Hilfe von Denkmodellen. Denkmodelle sind Umparkhilfen im Kopf. Denkmodelle lösen Blockaden. Denkmodelle bieten Raum, Neues zu denken. Zwei der wirkungsvollsten Denkmodelle heißen Pay-per-Use und Cradle-to-Cradle.

Pay-Per-Use: Nutzen statt Besitzen ist angesagter denn je

Nutzen statt Besitzen verfolgt das Ziel, die Anschaffungskosten (und die damit verbundene Kapitalbindung) sowie die laufenden Kosten nicht auf Nutzer:innen zu übertragen. Nutzer:innen bezahlen ein Nutzungsentgelt, in dem diese Kosten anteilig enthalten sind. Nutzen statt Besitzen-Modelle zielen nicht darauf ab, den Verkauf zu steigern, sondern deren Nutzung und damit die Haltbarkeit der eingesetzten Waren und Güter zu fördern. Das Eigentum an den Produkten, Leistungen und Lösungen verbleibt bei den Anbietern oder besser noch beim Hersteller. Umsetzungsbeispiele sind Share Now, Elektroautos im jederzeit kündbaren Monats-Abo (wie zum Beispiel Canoo), befristet mietbare Kunstwerke (wie zum Beispiel Kunstmieten.de), LED-Leuchten als Pay-per-Use-Modell (wie zum Beispiel Trilux) oder Hörbücher im Monats-Abo (wie zum Beispiel Audible).

Grundsätzlich kann jeder Gebrauchsgegenstand als Nutzungsmodell gedacht werden, wenn die Nutzung gemessen werden kann (unter anderem die Anzahl der Waschvorgänge bei einer Waschmaschine, die Nutzungsdauer von Licht oder die Anzahl der Ausdrucke bei einem Drucker). Pay-Per-Use-Modellen gehört die Zukunft. Hier ist insbesondere die Kreativität von Designer:innen gefordert. Einzige Wermutstropfen sind die Gewohnheiten der Menschen, die einen langen Atem in der Umsetzung erfordern.  

Cradle-to-Cradle

Das federführend von Michael Baumgart mit William McDonough entwickelte Konzept „Cradle-to-Cradle“ (sinngemäß: vom Ursprung zum Ursprung) folgt Prinzipien der Natur, bei denen alles verwertet wird. Der Abfall des einen ist die Nahrung des anderen. Das Konzept formuliert einen ›Gold-Standard‹, der ein vollständiges Recycling ohne Qualitätsverlust zum Ziel hat. Die daraus entstehenden ›Nährstoff‹-Kreisläufe machen die Produktion unabhängig von Rohstoffen, da Produkte und Materialien nahezu unbegrenzt wiederverwertet und/oder wiederverwendet werden können. Umsetzungsbeispiele sind kompostierbare T-Shirts (zum Beispiel Trigema), Styropor aus firmeneigenen Recyclingprozessen (zum Beispiel Fischer Cyclepor) oder Trinkflaschen aus einem unbedenklichen Polymer (zum Beispiel Bayonix).

Mit dem Gesetz zur Förderung der Kreislaufwirtschaft und Sicherung der umweltverträglichen Bewirtschaftung von Abfällen  wurde dem Konzept Cradle-to-Cradle in Deutschland bereits im Jahre 2012 Rechnung getragen. Darin ist unter anderem eine Abfallhierarchie (§ 6 KrWG) und eine Produktverantwortung (§ 23 KrWG) verankert – mehr oder weniger verbindlich. Im täglichen Erleben erscheint das Potenzial für innovative Lösungen im Sinne der Kreislaufwirtschaft allerdings noch nicht ganz ausgeschöpft zu sein.

Fazit

Unsere Wirtschaftsweise und unser Lebensstil erschöpfen uns zunehmend. Unser materieller Lebensstil ist nicht auf alle Länder übertragbar, ohne die Erde zu überfordern. Das erfordert ein Umdenken – auch und gerade von Solo-Selbstständigen im Produktdesign. Die Prinzipien der Kreislaufwirtschaft und von nutzungsabhängigen Geschäftsmodellen werden immer mehr Raum greifen. Wir Menschen werden aufgefordert sein, unser Konsumverhalten und unseren Lebensstil zu verändern, weniger und vor allem umweltschonendere Produkte und Dienstleistungen zu nutzen. Nicht materielle Dinge erlangen dadurch automatisch eine größere Bedeutung. Und Beschäftigung entsteht auch dadurch, dass Produkte gewartet und repariert werden.

Zu guter Letzt: Drei häufige Fragen

Welche Verantwortung haben Designer:innen?

Sie bestimmen Form und Aussehen eines Produkts, aus welchen Materialien Produkte her-gestellt werden, wie langlebig sie sind, ob sie schnell und einfach repariert werden können und ob sie recyclebar sind.

Was können Designer:innen in Bezug auf Nachhaltigkeit tun?

Sie sind gefordert, Produkte umwelt- und sozialverträglicher zu gestalten. In Zukunft werden sie mehr denn je den Kontext der zu gestaltenden Produkte und Geschäftsmodelle mitden-ken müssen.

Welches sind die wichtigsten Denkmodelle für nachhaltiges Produktdesign?

Zwei der wirkungsvollsten Denkmodelle heißen Pay-per-Use und Cradle-to-Cradle.

Quellen
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