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Foto: Alexandra Sell

Erfolgreich in einer Handwerksnische – Interview mit Vergolderin Michelle Sachs

Als Vergolderin veredelt die Berlinerin Michelle Sachs Wände und schafft eigene Kunstobjekte. Mehr als einmal dachte die Solo-Selbstständige daran, ihren Traumberuf aufzugeben. Doch dann brachte ein Projekt die Wende, das sie mit Kolleg:innen anpackte. Sie ist sich sicher: Ohne Netzwerk geht es auch als Einzelkämpfer:in nicht.

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lexfree: Wie bist du auf die Idee gekommen, einen so seltenen Beruf wie den der Vergolderin zu ergreifen?

Michelle: Ich wollte nach dem Abitur eine Ausbildung machen und habe mich beim Arbeitsamt informiert. Als ich dort das Heft „Beruf aktuell“ durchblätterte, bin ich beim Beruf des Vergolders hängen geblieben. Ich fand, dass das einfach gut klingt, wenn ich mich vorstelle: „Hallo, ich bin Michelle, ich bin Vergolderin.“ Zwei Betriebe in Berlin haben zu dieser Zeit ausgebildet. Über ein Praktikum habe ich in einem der beiden den Beruf kennengelernt und konnte im gleichen Jahr meine Ausbildung dort beginnen.

lexfree: Was fasziniert dich an deinem Beruf – abgesehen vom Titel?

Michelle: Das Kunsthandwerkliche. Ich schaffe etwas Schönes, das anderen und mir Freude bereitet. Ich kann mit dem Handwerk kreativ umgehen und meine eigenen Ideen umsetzen. Diesen Beruf gibt es seit Jahrtausenden. Es hat also auch viel mit Tradition zu tun. Außerdem kann ich Objekte erhalten bei der Restaurierung. In meiner Ausbildung in einer Bilderrahmenwerkstatt haben wir „nur“ Rahmen hergestellt, aber allein in diesem Bereich gibt es eine große Vielseitigkeit.

lexfree: Nimm uns mit in deinen Berufsalltag. An was arbeitest du aktuell?

Michelle: Ich habe immer mehrere Projekte parallel. Ich arbeite oft auf Baustellen, zurzeit im sogenannten Silbersaal in einem Gebäude am Potsdamer Platz in Berlin. Dort belege ich sieben Meter hohe Säulen neu, die bereits versilbert sind. Ich veredele auch Wände in Häusern von Privatpersonen. Der andere Bereich ist meine Werkstatt. Ich habe einige Arbeiten, die in Richtung Kunst gehen. Ich habe beispielsweise eine Platte mit einer sehr aufwendigen Technik versilbert, ein Bild, das man sich an die Wand hängt wie ein Ölgemälde. Sie bleibt erst mal Silber, aber über die Jahre oxidiert das Material und verändert sich mit der Zeit in den verschiedensten Farbnuancen. Diesen Effekt habe ich hier schon hängen. Ein Kunde möchte einen ähnlichen Effekt und hat ein silbernes Bild bestellt. Daran arbeite ich gerade. Es wird bei ihm zu Hause nachreifen.

lexfree: Wie aufwendig sind deine Arbeiten?

Michelle: Die meisten unterschätzen, dass viele Grundierschichten notwendig sind vor dem Vergolden. Das Blattmetall, das aufgelegt wird, ist nur die Spitze des Eisbergs. Es ist also schon aufwendig, aber pauschal kann ich es nicht so sagen, weil es viele Techniken gibt. Aber klar ist: In meinem Beruf benötigt man schon eine gewisse Ruhe. Geduld spielt eine Rolle, Ausdauer und der Blick fürs Ästhetische.

lexfree: Du hast im Berliner Pergamon-Museum 200 Quadratmeter Ausstellungsfläche vergoldet. Das klingt nach enorm viel Arbeit.

Michelle: An den Wänden ist es so wie mit Malerarbeiten auch. Sie müssen geschliffen, manchmal auch gespachtelt und grundiert werden. Dann werden die Blätter einzeln in einem bestimmten Raster aufgelegt. Wenn ich Wände veredele, nutze ich meistens größere Blätter. Das ist Schlagmetall, dünn geschlagenes Messing, das wie Gold aussieht. Das verarbeite ich mit einem Applikator, der das Blatt ansaugt und mit dem ich es dann auflegen kann. Das vereinfacht das Verfahren. Mit Gold ginge das nicht. Bei großen Projekten arbeite ich mit anderen Vergolder:innen, freischaffenden Künstler:innen und Restaurator:innen zusammen. Solche Projekte könnte ich nicht allein stemmen.

lexfree: Als Solo-Selbstständige siehst du dich nicht als Einkämpferin?  

Michelle: Ich denke, in der Solo-Selbstständigkeit geht es nie ohne Netzwerk. Ich finde den Austausch fachlicher Natur bereichernd. Jeder bringt seine Erfahrungen ein. Menschlich ist es auch schön und wichtig, mal im Team zusammenzuarbeiten. Es entsteht so ein Gemeinschaftsgefühl, das Gefühl, dass man nicht allein ist. Ich finde es aber auch gut, dass es projektbezogen und nicht dauerhaft ist. Ich mag diese Abwechslung. Ich bin auch gerne mal allein und entscheide nur für mich.

lexfree: Ist die Selbstständigkeit in deinem Beruf vorbestimmt?

Michelle: Es kommt darauf an. Ich habe nach meiner Ausbildung Theatermalerei studiert. Ich habe dann mehrere Praktika an Theatern gemacht, aber von der Stimmung her hat es mir nicht so gefallen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dort als Angestellte zu arbeiten. Und beim Vergolden gibt es wenige Betriebe und noch weniger, die anstellen. Hinzu kommt, dass ich hier in Berlin bleiben wollte. In Bayern und Baden-Württemberg gibt es größere Betriebe, da ist der Beruf viel verbreiteter als in Berlin. Dort hätte ich vielleicht eine Anstellung gefunden. So ist es aus der Not heraus entstanden, dass ich mich selbstständig gemacht habe.

lexfree: Gab es in den neun Jahren seit deiner Gründung Momente, wo du die Selbstständigkeit am liebsten hingeworfen hättest?

Michelle: Ja, die gab es am Anfang häufiger. In den ersten Jahren war das Finanzielle schwierig. Ich konnte nicht davon leben. Da habe ich immer wieder überlegt, noch mal etwas anderes zu machen. Die Wende kam mit einem großen Auftrag in der Staatsoper in Berlin, fünf Jahre nach meinem Start. Daran bin ich gewachsen. Dank dieses Projekts bin ich selbstbewusster geworden und habe mich bewusst für diesen Beruf und die Selbstständigkeit entschieden. Mein Einkommen hat sich stabilisiert und ich konnte mir endlich meine Werkstatt leisten.

lexfree: Als Selbstständige entscheidest du selbst über dein Business. In welche Richtung soll es bei dir künftig gehen?

Michelle: Ich möchte grundsätzlich so weitermachen, mich aber mehr auf meine eigenen Arbeiten fokussieren, also die goldenen Bilder, so nenne ich sie allgemein. Diese Bilder, das können Leinwände sein, verschiedene Formate, gestalte ich frei. Ich möchte sie gerne in Ausstellungen zeigen. Ich möchte wieder freier mit dem Handwerk umgehen können, mehr Zeit haben zum Experimentieren und dann verschiedene Objekte anbieten. Bei mir als Solo-Selbstständige ist alles eins: Das Unternehmen bin ich und ich bin das Unternehmen. Es gibt immer einen Dialog. So wie ich mich als Michelle verändere, so verändert sich auch mein Unternehmen und umgekehrt. Bestimmte Techniken wie die Oxidation von Silber liegen mir und das möchte ich mehr zeigen. Als Selbstständige habe ich es selbst in der Hand. Das schätze ich sehr.

Portrait Michelle Sachs, Vergolderin
Michelle Sachs, Vergolderin (Foto: Tanja Brückner)
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