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Der Audiograf Ingo Stoll reiste ein Jahr als digitaler Nomade mit der ganzen Familie durch Europa. „Mit Urlaub darf man das nicht vergleichen, aber es war eine unglaublich bereichernde Erfahrung.“

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lexfree: Was führt einen zu der Entscheidung, 160 Quadratmeter Wohnung gegen 16 Quadratmeter Wohnwagen zu tauschen – und das mit der ganzen Familie?

Ingo: Die Idee habe ich eines Mittags einfach mal über den Küchentisch geworfen. Das war im Juli 2019. Ein halbes Jahr später hat meine Frau ihren Job in der Verwaltung gekündigt, denn es war klar, dass sie ihre Arbeit dort nicht ortsunabhängig machen konnte. Für mich als Freelancer war das kein Problem. Was ich brauche, um meine Podcasts produzieren zu können, passt in zwei Ikea-Kisten. Und so waren wir Anfang 2020 eigentlich startklar. Doch dann kam Corona und wir mussten noch mal neu überlegen, ob wir das Experiment verantworten können. Ganz unabhängig von Corona war es für mich schon lange zur Normalität geworden, mir meine Arbeitsplätze je nach Aufgabe auszusuchen: mal in einem Café sitzend oder mit dem Laptop irgendwo auf der Wiese. Ich hatte bereits die Erfahrung gemacht, dass es mehr bringt, im Zug aus dem Fenster zu starren als im Meetingraum zu sitzen, um Denkblockaden zu lösen. Daher war für mich schon klar: Ich kann theoretisch überall arbeiten. Also hat sich der Reisebeginn lediglich etwas nach hinten verschoben.

lexfree: Was waren für dich die großen Herausforderungen deines Arbeitsnomadentums auf Probe?

Ingo: Das Einzige, was ich für meine Arbeit brauche, ist ein stabiles Internet und ein Ort, an dem ich ungestört die Podcasts aufzeichnen kann. Was die Konnektivität betrifft, wurde mir im Vorfeld empfohlen, mir landeseigene Prepaid-Karten zu besorgen. Es stellte sich aber heraus, dass ich in allen 15 europäischen Ländern, in denen wir waren, über meinen Provider in Deutschland Roaming-frei auf mein Datenvolumen zugreifen konnte. Und ich kann heute sagen: Überall in Europa ist die Netzabdeckung besser als in Deutschland. Ich hatte nur ein-, zweimal die Situation, dass ich mit dem Auto herumfahren musste, um Empfang zu haben. Die größte Herausforderung war letztendlich, unterwegs zu arbeiten und zugleich Lehrer für die Kinder sein zu wollen. Das würde ich so nicht mehr tun. Am Ende ließ sich aber alles gut organisieren.  

Der digitale Nomade vereint Alltag und Arbeiten mit Reisen. Das ist kein Urlaub!

Ich muss zugeben, dass sich der Beginn der Reise erstmal wie Urlaub anfühlte. Arbeiten im Urlaub – das mag niemand. Nach einigen Wochen pendelte sich das aber ein. Als digitaler Nomade unterwegs zu sein, darf man nicht mit Urlaub vergleichen. Es bedeutet vielmehr, Arbeit und Alltag unterwegs zu verbinden. Du stehst morgens auf, frühstückst mit der Familie und gehst dann an die Arbeit – oder manchmal eben auch nicht. Diese Freiheit hast du als „Nomade“. Ich habe immer dann gearbeitet, wenn ich die Energie hatte und wenn es passte. Aber wie im normalen Arbeitsalltag hast du Deadlines, die eingehalten werden müssen, oder Termine, die deinen Tag vorgeben. Das muss man entsprechend einplanen und organisieren. Wenn ich aber mal lieber den Tag mit den Kindern am Strand verbracht habe, dann habe ich mich eben abends hingesetzt. Solange die Arbeit selbstbestimmt ist, fühlt sie sich ganz anders an, als wenn dir jemand sagt, was du machen musst. Rückblickend habe ich vielleicht insgesamt weniger Stunden gearbeitet, war aber viel produktiver und auch kreativer.

Termine und Meetings strukturieren nach wie vor den Arbeitsalltag.

lexfree: Fällt es nicht unglaublich schwer, sich an die Arbeit zu setzen, obwohl der Strand, die Berge oder tolle Momente mit der Familie locken?

Ingo: Natürlich fällt das manchmal schwer. Man braucht eine gewisse Selbstdisziplin, die man am besten vorher schon trainiert hat. Aber wenn ich etwas tue, das ich wirklich liebe, dann reduziert das den Konflikt zwischen dem, was ich gerade gerne tun möchte und dem, was jetzt die Aufgabe ist. Wir sprechen so viel von Purpose und intrinsischer Motivation – wenn die gegeben sind, dann fühlt sich Arbeit nicht wie Arbeit an. Wenn ich allerdings etwas tun muss, wozu ich eigentlich keine Lust habe, dann funktioniert das nicht.

lexfree: Durch die veränderten Arbeitsbedingungen während der Pandemie wurde viel über Abgrenzung und Verschmelzung von Arbeit und Freizeit gesprochen. Lässt sich das auf Reisen überhaupt trennen?

Ingo: Nein. Aber ich muss das doch auch gar nicht trennen. Mein Leben fühlt sich dann erfüllt an, wenn diese Pole miteinander verschmelzen können. Es ist letztlich alles eine Frage der Organisation. Natürlich braucht man manchmal den Raum, um fokussiert und konzentriert nur zu arbeiten. Und andersherum braucht man auch mal Raum nur für sich selbst oder für die Familie. Ich bin nicht der Typ, der jeden Tag sehr strukturiert angeht und brauche manchmal auch etwas Zeitdruck. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich am Ende gar nicht so sehr auf meine Selbstdisziplin angewiesen war – denn ich mache, was ich mache, mit Freude und vor allem selbstbestimmt.

lexfree: Was ist dein Fazit eures Experiments?

Ingo: Es war eine unglaubliche Erfahrung, die mich und die ganze Familie hat wachsen lassen – persönlich und beruflich. Ich würde sagen: Es ist eine Investition in sich selbst. Wenn man in Bewegung ist, kommt man auf ganz neue Ideen. Man kommt in einen Fluss mit sich selbst, dem Alltag und der Arbeit. Nomaden sind keineswegs faul, sondern sie lieben die Freiheit und die Flexibilität. Und das ist es, was Menschen mit einem gewissen Freiheitsdrang letztlich kreativ und produktiv sein lässt.

Ingo Stoll, Profi-Podcaster und Audiograf
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